finding ways feat. claudia black
Fortsetzung: Mein Werdegang??

Nun ja. Wo war ich stehengeblieben...

Richtig, irgendwo in der langen, langen Phase, in der ich durchaus neugierig und offen für Erfahrungen der "unmessbaren Art" war, aber in der ich von mir selbst so weit entfernt war, dass eine sinnvolle Arbeit, ein echtes Lernen auf diesem Gebiet nicht möglich war.
In dieser Zeit habe ich auch meine Heilpraktikerausbildung gemacht. Und war, nach meiner heutigen Einschätzung, hochdepressiv. Trotz grösster Neugier der Materie gegenüber verbrachte ich mehr Zeit vor dem Fernseher als über meinen Büchern. Was lief, war eigentlich egal... hauptsache, ich hatte eine Beschäftigung fürs Gehirn, die ich mir nicht selbst schaffen musste. Alles erschöpfte, alles strengte an. Von den wenigen Kurstagen liess ich sogar einige aus, weil sie mir zu anstrengend waren - TROTZ riesiger Neugier!
Den Abschluss in der Schule schaffte ich trotzdem, wer weiss wieso...
Danach kam eine Zeit heftigster Prüfungsvorbereitung. Plötzlich erwachte ich, plötzlich wurde ich aktiv. Da nach dem Abschluss in der Schule ein "staatlicher" Abschluss erfolgen muss, musste ich auf einmal büffeln. Die Prüfung habe ich trotzdem - verfluchte Prüfungsangst - in den Sand gesetzt; konnte es nicht glauben, habe Einsicht genommen und festgestellt, dass ich bei MINDESTENS 20 Fragen einfach Mist geschrieben habe (von 100). Und nur vier haben mir gefehlt, um zu bestehen...
Naja, ich hab mir lange genug in den A...llerwertesten gebissen deswegen; einen Anlauf habe ich ja noch

Während dieser Zeit schaffte es mein Gefährte, die Mauer, die ich um mich bzw. meine Empfindungen hochgezogen hatte, zu durchstossen. Zeitgleich brachte Nine Inch Nails eine CD heraus, auf der exakt das wiedergegeben wurde, was ich empfand; ein unheimliches Erlebnis...
Die Gothic-Subkultur (nicht etwa die Szene!) erlaubte es, auch dann unter Menschen zu gehen, wenn ich mich katastrophal fühlte - und ehrlich zu bleiben. Da sagte keiner, "lach doch mal wieder" oder "ist doch alles halb so schlimm", nein, wenn ich sagte, dass es schlimm war, dann war es eben so und ich wurde höchstens gefragt, was ich brauche. Ein wichtiger Bestandteil meiner Heilung! Da konnte ich selbst auch endlich Kontakt mit mir selbst aufnehmen (wie widersinnig das klingt).

Was dann folgte, war ein Versuch, eine Krankenpflegeausbildung zu machen. Als sinnvolle Ergänzung und wahrscheinlich grösste Fehlentscheidung meines Lebens. Ich war erschöpft von einem Jahr ferienloser Prüfungsvorbereitung, 6-8h täglich zu lernen, wenn man vorher genau gar nichts gemacht hat, ist verdammt anstrengend. Die Schule forderte ein weiteres grosses Stück Schattenarbeit von mir, die Praktika wieder ein riesiges (das bis heute nicht gelöst ist), und zu allem Überfluss war mein Erzeuger der Meinung, die Familie noch einmal durchrütteln zu müssen... kurzum: Letzten Sommer sass ich heulend vor meinem Hausarzt, der mich daraufhin krank schrieb und sagte, "du gehst nicht mehr arbeiten, sonst klappst du mir zusammen".

In den ganzen Jahren vorher stand ich oft genug an dem Punkt, mich umbringen zu wollen. Mehr als einmal hatte ich sogar konkrete Pläne, wie sich das Ganze durchführen liesse - auf Nummer Sicher natürlich, nicht so, dass mich am Ende jemand retten könnte. Ich träumte auch oft vom eigenen Tod (und nun sage mir bitte niemand, dass der Tod in Träumen ja eine andere Bedeutung hätte, ich weiss ganz genau, was diese Träume bedeuteten, die waren wortwörtlich zu nehmen) - ich empfand den Gedanken als Erlösung.
An dem Punkt der Krankschreibung kam bald das Thema auf, die Ausbildung zu unterbrechen. Was ich dann auch tat... aus dem Unterbruch wurde durch eine weitere sehr hässliche Geschichte ein Abbruch; die medizinische Welt hatte mich derart enttäuscht, dass ich sogar nie wieder dahin zurückkehren wollte. Das heilt allmählich - aber eben nur allmählich.
Das war aber ein Punkt, an dem ich leicht auf andere Art hätte sterben können. Ich überlegte mir, in eine Psychiatrie zu gehen - freiwillig - und besichtigte sogar zwei Kliniken. Zum Glück habe ich mich dagegen entschieden! Denn eines hatte ich in den Jahren vorher entwickelt: Strategen, um mir zu helfen - und alle diese Strategien, besonders die Konstruktivsten davon (Ausdruck durch Schrift und Bild), wären mir laut Klinikregeln untersagt gewesen. Heute habe ich den Eindruck, dass es ind en Kliniken nicht darum geht, einem Menschen in seiner Individualität zu Lösungen zu verhelfen, sondern zunächst das Leben zu retten, "weil Suizid ja keine Lösung ist", und dann nach Schema F ein überlebensfähiges Wesen zu kreieren - aber keine Individualität einzubeziehen. Da wäre ich wohl wirklich gestorben und aus der Klinik wäre zwar mein Körper, aber nicht mehr mein Geist gekommen.

Ich ging stattdessen für zwei Wochen auf einen Bauernhof und half bei der Mostäpfelernte. 8h täglich kniete ich am Boden und sammelte Äpfel auf, weitere 2h war ich mit dem Haushalt des Bauern beschäftigt.

Monoton. Und genau das Richtige. Mitten in der Monotonie dieser Tätigkeit und der umgebenden Natur, die mich immer mehr berührte, erwachte ich. Bei der Ankunft war ich - wie tot. Betäubt. Eingefroren. Ich reagierte auf nichts, ausser auf das Nötigste. Zwei Tage später erreichte das Sonnenlicht mein Herz. Dann folgten die Schottischen Hochlandrinder des Bauern. Seine Schweine. Dann der Fuchs, der mir nachts begegnete. Dann die Pferde (das war nochmal ein Stück Schattenarbeit). Schliesslich begann ich mich für seine Büchersammlung zu interessieren, schrieb auch wieder selbst. Ich lebte wieder. Nach einer Woche empfand ich schreiendes Glück!

Und ich lebe immer noch. Mehr als je zuvor, auch wenn längstens nicht alles gut ist. Ich habe den Tod viele Male berührt, nie umarmt, aber als Bestandteil des Seins und Gegensatz, aber auch Mitspieler des Lebens zu schätzen gelernt; ich habe die Angst vor ihm verloren und es geschafft, auch negative Ereignisse in mein Weltbild zu integrieren, anstatt, wie so viele es tun, sie auszuklammern, zu verhamlosen oder so weit als möglich von sich weg zu schieben. Ein fortwährender "Grenzritt", die Grenze zwischen Leben und Sterben habe ich in vielen Facetten kennengelernt... in meinen Augen ein gewaltiger Gewinn.

Und nun stehe ich hier, mit einer Menge alter Erfahrungen, die ich noch nicht so recht einordnen kann, zum ersten Mal mit einem wirklichen Lebenswillen und einer tiefen Neugier gegenüber einer Welt, die ich lange gesucht habe und nun möglicherweise in mir selbst finden könnte.

Ach ja. Ich würde nie so weit gehen, mich deshalb als Hagazussa zu bezeichnen. Ich stehe erst ganz am Anfang - alles, was ich hier beschrieben habe, war die Vorarbeit, um den Weg überhaupt einschlagen zu können! Falls es denn wirklich dieser Weg wird.

30.11.08 13:47
 


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